Bild: STS 2030
Von der Faserqualität bis zur Reverse Logistics: Das Pilotprojekt «United for a social circular economy» macht sichtbar, wo Kreislaufwirtschaft in der Textilbranche konkret wird – und wo sie noch scheitert. Dazu testen Schweizer Marken und Recycler aus der MENA-Region gemeinsam, wie sich textile Kreisläufe schliessen lassen. Die Learnings aus Phase 1 zeigen: Zusammenarbeit und Transparenz ist der Schlüssel.
Im Rahmen des Gemeinsamen Engagements «United for a social circular economy» haben mehrere Unternehmen und Organisationen in Phase 1 zusammengearbeitet, um Faser-zu-Faser-Recycling voranzutreiben und soziale Aspekte in zirkulären Wertschöpfungsketten zu verankern. Das Projekt konzentriert sich auf die MENA-Region (Ägypten und Marokko) und wird vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO gefördert. Jetzt teilen wir erstmals wichtigsten Erkenntnisse, die allen AkteurInnen helfen können. Hier eine Kurzübersicht:
Recycling-Kapazitäten in der MENA-Region wachsen
Die MENA-Region entwickelt sich rasch: Mehrere Recycler zeigen starke technische Grundlagen, Import- und Export-Know-how nach Europa, vertikale Integration und relevante Umwelt- und Sozialzertifizierungen. Herausforderungen bestehen bei Rohstoffversorgung, Marktnachfrage sowie technologischen und finanziellen Einschränkungen. Der informelle Sektor spielt eine zentrale Rolle, wird aber noch zu wenig integriert und birgt Risiken für Arbeitsbedingungen und Umwelt.
Datenbasiertes Matchmaking und Qualitätsprüfung
Die Auswahl geeigneter Recycler hängt von klaren Produkt- und Materialanforderungen sowie transparenten, vergleichbaren Daten ab. Die Qualität recycelter Fasern bleibt der entscheidende Faktor für die Marktakzeptanz. Detaillierte Qualitätsanalysen (z. B. Faserlänge) und physische Muster sind unverzichtbar: Einkäufer:innen und Designer:innen müssen das Material anfassen, testen und mit konventionellen Stoffen vergleichen können.
Zirkuläres Design braucht systemisches Denken
Zirkuläre Produkte können nicht isoliert entwickelt werden. Enge Zusammenarbeit zwischen Vertrieb, Einkauf, Design und Produktentwicklung ist essenziell. Der Ausgangspunkt sollte die Nutzerperspektive sein. Für eine lange Nutzungsdauer, müssen Produkte aus recyceltem Material funktionale, ästhetische oder emotionale Mehrwerte bieten. Recycling sollte die letzte Stufe am Ende eines langen Produktlebens sein — innere Kreisläufe wie Wiederverwendung und Reparatur haben Priorität.
Due Diligence und soziale Aspekte
Textile Recycling-Lieferketten sind oft komplex, mit Risiken auf mehreren Ebenen. Recycling wird häufig als Umweltthema wahrgenommen – soziale Aspekte dagegen oft übersehen. Dabei arbeiten in Recycling-Anlagen oft marginalisierte Gruppen, besonders im informellen Sektor, wo das Risiko schlechter Arbeitsbedingungen höher ist. Es besteht ein starker Bedarf an gemeinsamen Leitlinien und Erwartungen zu Arbeitsrechten, Arbeitsbedingungen und Umweltpraktiken in Recycling-Anlagen.
Transparenz schafft die Basis – End-of-Life bleibt die Hürde
Digitale Produktpässe, Rückverfolgbarkeit und gemeinsame Standards machen Zusammenarbeit zwischen Marken und Recyclern erst möglich. Doch was mit dem Produkt nach seiner Nutzung passiert, bleibt die grösste Herausforderung: Kleine Rückgabemengen, fehlende Rücknahme-Logistik und unklare Verantwortlichkeiten bremsen den Kreislauf. Marken, die zusammenarbeiten – beispielsweise durch eine gemeinsame Sammlung und Rückführung – können diese Hürde überwinden.
In der nun folgenden zweiten Phase geht es an die konkrete Umsetzung: Gemeinsam mit Recyclingpartner in Marokko und Ägypten sollen die ersten marktfähigen Produkte aus Recyclingfasern entstehen und dabei die gesamte zirkuläre Prozesskette praktisch erprobt werden.

